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Innovage

Ja und da ist es nun, das x-te neue Wort: "innovage", Innovation und Vintage. Es ist wohl kein Zufall, dass tagtäglich unzählige neue Worte entstehen, denn unsere Zeitepoche scheint unter sehr vielen Aspekten tatsächlich ein historischer Wendepunkt zu sein: unsere Umwelt, die sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Aspekte – alles ist im Umschwung. Wir haben wohl auch den Eindruck, dass inmitten so üppiger Innovation tatsächlich Realitäten entstehen, die es wert sind hervorgehoben zu werden. In manchen Fällen versuchen wir sogar diesem Eindruck einen Namen zu schenken, bevor die entsprechenden Realitäten überhaupt erst existieren – so entsteht ein neues Wort noch vor seinem Konzept. Was ist also '“Innovage": eine neue Realität oder einfach nur ein neues Wort? Ist es bereits ein wirtschaftliches Phänomen oder noch eine Vision? Wird es Erfolg haben?
 
Das Thema ist sicher sehr vielversprechend: die Geschichte der Innovation ist ein unabdinglicher Bestandteil der Innovation selbst. Im Business des Wissens handelt es sich um einen Begriff, den wir mangels geeigneterer Ausdrücke verwenden, um unsere postindustrielle Epoche zu definieren – ein Wertdenken, das auf brillanten Ideen basiert. In diesem Sinne hat ein Produkt Wert, wenn es Geschmack, Information und Sinn enthält. Also auch, wenn es ein Erinnerungsvermögen besitzt. Und wenn das Publikum, das sich mit dieser Wertvorstellung identifizieren soll dieses Konzept auch tatsächlich wahrnimmt. Denn die Dynamik der Ideen findet vor allem in den Beziehungen zwischen Personen Ausdruck, die diese Ideen verkörpern und sie mit denen anderer vernetzen, und deren Ideen wiederum als gleichgesinnte oder mit den eigenen zu konfrontierende Wertvorstellungen übernehmen. Aus diesem Grund existiert ein ästhetisierender und besonders wertvoller Zusammenhang zwischen den Gegenständen, die zukunftsorientiert sind und denjenigen, die an vergangene Erfahrungen einzelner Personengruppen erinnern, die sich mit ihnen identifizieren.
 
Aber das ist noch nicht alles. Und soll auch noch nicht alles sein. Zumindest für diejenigen, die sich mit Innovation beschäftigen. Vintage kann eine Modeerscheinung sein, das heißt ein Charakterzeichen, das für kurze Zeit Wert verleiht. Wenn Vintage also nur ein Revival der Moden und Kultobjekte einer präzisen Zeitepoche wäre, das sich in deren charakteristischen Formen versteinert hat, dann würde sein innovativer Beitrag nur so lange wie ein Modetrend dauern. Aber die Ideen leben nicht nur von Moden. Es existieren kulturelle tiefgreifende Strukturen, die man vorbringen muss, um besser verstehen zu können, wie Neuheiten zu Innovationen werden. Des weiteren erinnert das Konzept "innovage", gerade weil es aus der Verschmelzung der Begriffe Innovation und Vintage entstanden ist und somit als Modeerscheinung klassifiziert werden könnte, zugleich an die Idee der "Ära der Innovation" (innovation age), sodass der Begriff auch für die Definition tiefgreifender und struktureller Veränderungen eingesetzt werden kann. Das könnte also der Weg zum Erfolg dieses Neologismus’ sein: die Vergangenheit und die Zukunft müssen früher oder später aufeinandertreffen...
 
Warum? Weil die Annahme einer Neuheit bzw. eines neuen Konzepts von Seiten einer Personengruppe, das heißt also ihr Erfolg, das Ergebnis einer Verknüpfung einzelner Phänomene ist, die sich nicht nur auf die in den Gegenständen enthaltene Botschaft konzentrieren, sondern auch die Quelle dieser Nachricht, deren Glaubwürdigkeit, deren Entstehungsgeschichte und die Art in der sie ihre Zukunft erzählt mit einbezieht. Wenn ein Betrieb eine Neuheit präsentiert, dann muss er es in einer verständlichen, glaubwürdigen und erkennbaren Form machen. Und das ist die Wertessenz eines Markenzeichens.
 
So passiert es also, dass der Betrieb, der eine Neuheit vorstellt auch dazu angehalten wird, dies auf glaubwürdige Weise zu vollziehen. Diese Glaubwürdigkeit wird also selbst wieder zu einem Wert. Der so besondere Wert einen Werdegang zu besitzen, der auf verständlichen, ehrlichen und reellen Ideen basiert und eine eigene Tradition aufweist. Die finanzielle Auswirkung dieses Konzepts kann nur teilweise in die Bilanz eingetragen werden. Denn es gibt Güter, deren Wert eng mit diesen Überlegungen und Denkweisen verbunden ist. So ist es kein Zufall, wenn die Wirtschaftsexperten diese Güter "Erfahrungsgüter" nennen: denn ihren Wert kann man erst dann schätzen, wenn man sie verbraucht hat; das bedeutet, dass diese Güter nicht nach ihrem Wert konsumiert werden, sondern vielmehr nach der Erfahrung, die zeigt wie der Firmenbetrieb, der diese Güter präsentiert auch in Vergangenheit das Versprechen des besonderen Werts seiner Produktartikel gehalten hat.
 
Dieser Firmenbetrieb wiederum bezieht einen wichtigen Bestandteil seiner Glaubwürdigkeit eben aus dem historischen, geografischen und kulturellen Kontext auf dem sein Werdegang basiert. Das „Ökosystem der Ideen“, das diesen Kontext bildet ist eine geschichtlich besonders traditionsreiche Realität, kann aber wie jedes Ökosystem leicht von sehr schlechten Ideen und Denkweisen angesteckt und verunreinigt werden. Aus diesem Grund sollte ein Firmenbetrieb in der Zeitepoche des Wissens mindestens so sehr an der Qualität seines kulturellen Kontextes, in dem er arbeitet hängen, wie er an der Qualität seiner Produktartikel hängt.
 
Die Komplexität einer Innovation findet sich also in einem nicht trennbaren Gefüge der Ausdruckskraft und Überzeugungsfähigkeit derjenigen, die sie präsentieren, des Sinns, den die anderen in dieser Innovation entdecken und des Kontextes, der dieser Innovation Wert verleiht. Also, weit entfernt von einem rein technologischen Phänomen, ist die Innovation heutzutage vielmehr immer öfter ein kulturelles Phänomen. In dem die Geschichte, die Erzählungen und Traditionen essentielle Elemente sind. Ein Produkt, das von sich, von der Geschichte seiner Erfinder und von seinem Herkunftsort auf verständliche, direkte und ehrliche Weise erzählt hat sehr gute Chancen eine Innovation zu werden. Andernfalls riskiert es nur Lärm zum Lärm der Neuheiten mit reinem Selbstzweck beizutragen.
 
In diesem Sinne ist Innovage eine Vision, die sich in eine Synthese verwandelt. Das Streben nach Zusammenhalt des dringenden Bedürfnisses auf stetige Erneuerung und ihrer ursprünglichen Bedeutung. So wie zu den Zeiten, in denen die Moka Bialetti und die Vespa ins Leben gerufen wurden: heute Vintage- Kultobjekte, damals Innovationen. Sie definieren eine Realität und einen langlebigen Lifestyle, in seiner Substanz und der kontinuierlichen Wandlung seiner Form: ein Moment der Geschichte, der klassischen und zeitlosen Kult schafft.
   

- Luca De Biase
blog.debiase.com